Laufberichte

lookinback

Winschoten, 12. September 2009, 100km

Ich weiss nicht, zu welchem Zeitpunkt das Bild gemacht worden ist, aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen dass es irgendwo um die Hälfte der Strecke ist. Zu dem Zeitpunkt fühlte ich mich schon, wie man sich immer irgendwann in einem Langstreckenrennen fühlt. I fragte mich, was ich da überhaupt machte, ich suchte in meinem Körper eine Schmerzquelle zu finden (und da waren einige), die mies genug war, um als Grund zum Aufgeben herhalten zu können. Und ich versuchte irgendwie Motivation aufzubringen. Damit sich der Rest der Strecke nicht mehr gar so lang anfühlte.

Etwa nach 55km fing ich an, mich schlechter und schlechter zu fühlen. Ich sagte mir, dass es jetzt jeden Moment “nur noch ein Marathon” sein würde. Was ja auch nicht so ein irres Problem gewesen wäre, wären da nicht die 58km davor gewesen, die mir schon arg zugesetzt hatten. Nach 75km sagte ich mir: “Nur noch 25km. Das läufst du daheim jeden Tag.” Doch das half nicht wirklich. Da musste was anderes her.

Und es hatte so gut angefangen. Das Rennen an sich. Der Tag vielleicht nicht so ganz. Ich wachte um vier Uhr früh nach drei langen Stunden Schlaf auf, trank meinen Kaffee und da ich nicht auf den alten Freddie Green gehört hatte (”Pack deine Tasche immer am Abend davor und leg deinen Anzug oben drauf.”), packte ich meinen Krempel und machte den ersten Fehler. Nachdem, Jörg, Dominik (die Bilder und Videoaufnahmen von der Angelegenheit machen würden und den ganzen Tag eine ungeheuerliche Hilfe waren) und ich in Winschoten ankamen und ich mich umzog, fiel mir auf, dass ich die enorm coolen schwarzen Laufshorts, die ich in New York gekauft hatte, daheim hatte liegen lassen. Ich musste
diese alten, ziemlich uncoolen blauen Tights anziehen. Ich lasse mir Freddies Worte nächste Woche auf den Arm tätowieren.

Nach der Anmeldung sollten wir jemand von der Organisation treffen, weil meine beiden Freunde kurz instruiert werden sollten, wo sie denn Fotos und Aufnahemn würden machen können. Und Liesbeth Jansen sprach mit uns und brachte uns rüber zu den Motorradfahrern, um die beiden vorzustellen. Sie durften später mit den Motorrädern über die Strecke fahren. Eine Renndirektorin, die eine Stunde vor dem Hauptrennen, während andere Wettbewerbe schon laufen oder schon gelaufen sind, sich die Zeit für irgendeinen Läufer findet und dabei entspannt und freundlich ist. Unglaublich.

Ich joggte noch ein wenig die Stikkerlaan rauf und runter und erst zwei Minuten vor dem Start wird mir klar, dass ich nicht wirklich weiss, in welche Richtung es denn gehen soll. Schliesslich spreche ich mit einem Läufer mit einer Kappe der Deutschen Post, aber der wusste auch nichts weiter. Da er auch Deutscher ist (die Kappe hat ihn da ein wenig verraten), fangen wir an, uns zu unterhalten und als der Startschuss kommt, folgen wir einfach den anderen und quatschen für die nächsten 20km weiter.

Felix Lill ist Anfang 20, Triathlet und Läufer, aber dies war sein erster Versuch über die 1ookm. Wir unterhalten uns die ganze Zeit, teilen Wasser und Schwämme und alles scheint prima. Wir warten sogar aufeinander, wenn einer in die Büsche muss. Wir halten ein Tempo von knapp unter 6:00 min/km, aber manchmal merke ich, wie mein Puls weiter fällt, als es mir lieb wäre. An dem Punkt denke ich immer noch daran, unter 10:30 zu laufen, um mich für den Spartathlon nächstes Jahr zu qualifizieren. Und ich weiss, dass ein Schnitt zu nah an den sechs Minuten später alles ruinieren würde. Also zog ich an. Ich kann mich nicht wirklich erinnern, aber ich glaube es war, als Felix grad mal in den besagten Büschen war, was mir ein wenig unangenehm war. Aber ich traf ihn später nochmal an der Mauritsstraat, wir sprachen für einen Moment und alles war in Ordnung.

Ich lief also weiter und für etwa 30km schien alles in Ordnung. Da mochte ich Nassaustraat schon nicht sonderlich, weil die Oberfläche aus rechteckigen Steinen in einem Fischgrätenmuster angelegt war und es fühlte sich beim Laufen grauenhaft an. Jedesmal, wenn ich die Oude Werfslaan runter kam, wusste ich, dass das hinter der nächsten Ecke anfing. Vorfreude ist was anderes.

Ich verlor immer mehr Zeit auf den nächsten 20km und kurz nach der Hälfte war ich wirklich in Schwierigkeiten. Ich dachte zuviel daran einfach aufzuhören. Mein Rücken schmerzte heftig, es fühlte sich an als habe mir jemand irgendwas Spitzes zwischen die Schulterblätter gerammt, ich wollte gar nicht wissen wie es aussehen würde, wenn ich erstmal meine Schuhe würde abstreifen können und meine Knie fühlten sich an, als würden sie zumindest jeden Moment aufgeben. Ich versuchte weiter positiv zu denken, den Rest der Strecke in machbare Teile zu stückeln. Daran zu denken wie enttäuscht alle (und ich selbst auch) sein würden und wie mies sich ein DNF anfühlt. Hauptsächlich dieses Grübeln und die Tatsache, dass ich mich nicht wirklich entscheiden konnte und von daher einfach immer weiter nachdachte, hielt mich bei der Stange. Und die Tatsache dass im Start/Ziel-Bereich immer meine Jungs auf mich warteten.

An der Verpflegungsstation Grintstraat, gegenüber von der Feuerwache ging ich inzwischen immer ein Stück und setzte mich sogar für ein paar Sekunden hin. Es war ein tolles Gefühl, sich für einen Moment zumindest nicht mehr bewegen zu müssen. Auch wenn ich wusste, dass es so viel einfacher gewesen wäre, einfach weiter zu laufen und sich das mehr als erneute, unangenehme Anlaufen zu sparen.

So oder so schaffte ich es durch Runde sechs, sieben und – du ahnst es nicht – acht. Und dann endlich funktionierte auch das positive Denken wieder. Die vorletzte Runde. Ich dachte sogar daran, dass die letzte Runde unter Umständen irgendwie wieder Spass machen könnte. Inzwischen kannte ich den Verlauf so gut. Den ersten Kilometer durch den Sportpark und auf den Ludensweg, den sie ganz in Orange geschmückt hatten und der an diesem Tag den Namen “Orange Street” trug. Die 2-Kilometer-Marke im Elandhof, der einem wie ein Tunnel vorkam mit hölzernen Elchen überall. Die Brücke, wo die 3-Kilometer-Party war. Die gerammelt volle Kneipe bei Kilometer 4, wo man sich so deplatziert vorkam, wenn man an all den Leuten vorbei lief, die draussen mit einem Bier sassen. Die Versorgungsstation bei Kilometer 5, wo sie wie fast überall immer wieder fragten, wie es einem ginge und wie weit man noch hätte. Die Oude Werfslaan wo man so beschäftigt damit war den Leuten mit den Teilnehmerlisten, die einen mit Namen (falsch ausgesprochen, liebenswert falsch, aber doch falsch) anfeuerten, zu danken, dass man die Markierung bei Kilometer 6 dauernd verpasste. Die siebte Marke an der Ecke Mauritsstraat, die den Anfang der Fischgrätentortur anzeigte. Der achte Kilometer kurz vor der Ecke Mr. H.J. Engelkensweg, wo sie Schilder hatten, die in allen möglichen Sprachen “Auf Wiedersehen” sagten. Und natürlich die neunte Markierung, wenn man wusste jetzt kam nur noch der Kreisverkehr und dann grade runter zum Ziel.

Ich hab das alles vielleicht bis Nassaustraat gezählt und danach wars dann auch egal. Inzwischen war es dunkel geworden, die Leute hatten sich von den Strassen in die Häuser zurückgezogen und man konnte aus vielen Häusern Partylärm und Musik hören. Ich freute mcih auf meine eigene kleine Party, die hauptsächlich aus einer heissen Dusche bestand. Ich lief sogar wieder schneller. Es war nicht unbedingt nur mein Körper gewesen, der die ganzen Probleme gehbat hatte, ich würde noch einiges an Kopfarbeit leisten müssen in Zukunft. Aber das war alles uninteressant geworden. Trotz allem, was an diesem Tag passiert war, erreichte ich die Ziellinie nach 10 Stunden, 55 Minuten und 9 Sekunden. Ich wusste es da noch nicht, aber das machte mich zur Nummer 289 von 899 Läufern in der Rangliste 100 km der Deutschen Ultramarathon Vereinigung. Und zur Nummer 1473 von 3778 Läufern international. Ich hatte einen neuen Freund, der etwa eine halbe Stunde nach mir auch ankam. Und ich wusste, dass 100 Kilometer zu laufen mir keine Angst mehr machen konnte.

Ich möchte den Veranstaltern und der ganzen Stadt Winschoten für einen Langen Tag danken. Für bemerkenswerte Schmerzen, Zweifel und sich ganz einfach mies gefühlt zu haben. Es war wunderbar. Es fühlte sich an wie der richtige Ort für diesen 12. September. Wie der einzig richtige Ort. Wir sehen uns nächstes Jahr.

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